Ein Notgroschen — auf Englisch Emergency Fund — ist liquide zurückgelegtes Geld, das ausschließlich für unerwartete Ausgaben reserviert ist: Jobverlust, Krankheit, kaputtes Auto, Waschmaschine, ungeplante Umzugskosten. Ohne ihn treibt jeder finanzielle Schock Menschen entweder in Schulden oder zwingt sie, langfristige Investitionen zum ungünstigsten Zeitpunkt aufzulösen.
Laut einer Umfrage der Deutschen Bundesbank (2024) haben 28% der deutschen Haushalte keine Rücklage für Notfälle, weitere 19% könnten einen unerwarteten Ausgabenschock von 1.000 EUR nicht ohne Kreditaufnahme stemmen. Das bedeutet: fast jeder zweite Haushalt ist finanziell verwundbar.
| Ereignis | Typische Kosten | Häufigkeit |
|---|---|---|
| Jobverlust (3 Monate bis neues Gehalt) | 6.000–15.000 EUR | Lebenszeitvorkommen |
| Autoreparatur (größerer Schaden) | 800–3.500 EUR | alle 5–8 Jahre |
| Haushaltsgeräte (Waschmaschine, Kühlschrank) | 400–1.200 EUR | alle 8–12 Jahre |
| Zahnarzt (Implantat ohne Zuschuss) | 800–2.500 EUR | gelegentlich |
| Ungeplanter Umzug | 1.500–4.000 EUR | selten, dann erheblich |
| Heizungsausfall im Winter | 2.000–8.000 EUR | besondere Belastung |
Quelle: Verbraucherzentrale Bundesverband, Stiftung Warentest Kostenübersichten 2025.
Ohne Notgroschen greifen Menschen häufig auf den Dispokredit zurück, der 2025 im deutschen Durchschnitt bei 12,5% p.a. liegt (Deutsche Bundesbank, MFI-Zinsstatistik Q1 2026). Wer 3.000 EUR über 12 Monate zu 12,5% disponiert, zahlt 375 EUR Zinsen — Geld, das verloren ist.
Die Standardempfehlung lautet: 3 bis 6 Netto-Monatsausgaben. Entscheidend sind Ihre monatlichen Ausgaben — nicht Ihr Einkommen, da das Einkommen bei Jobverlust wegfällt, die Ausgaben aber weiterbestehen.
| Lebenssituation | Empfehlung | Beispiel (2.400 EUR/Monat Ausgaben) |
|---|---|---|
| Angestellter, sicherer Job, keine Kinder | 3 Monate | 7.200 EUR |
| Angestellter, 1–2 Kinder, Alleinverdiener | 5–6 Monate | 12.000–14.400 EUR |
| Beamter / unkündbarer Job | 2–3 Monate | 4.800–7.200 EUR |
| Selbstständiger / Freiberufler | 6–12 Monate | 14.400–28.800 EUR |
| Befristetes Arbeitsverhältnis | 6 Monate | 14.400 EUR |
| Haushaltsvorstand mit chronischer Krankheit | 6 Monate | 14.400 EUR |
Viele Menschen unterschätzen ihre monatlichen Ausgaben, weil sie nur an Fixkosten denken. Eine vollständige Ausgabenrechnung umfasst:
Fixkosten (monatlich)
Variable Kosten (Durchschnitt)
Nicht berechnen: Spartransfers, Investitionen, ETF-Sparplan. Diese fallen bei Jobverlust sofort weg — sie gehören nicht zu den lebensnotwendigen Ausgaben.
Der Notgroschen hat drei unverzichtbare Eigenschaften: sofortige Verfügbarkeit (täglich kündbar), nominale Sicherheit (kein Kursverlustrisiko) und ausreichende Rendite (Inflationsschutz soweit möglich). Das schränkt die Optionen erheblich ein.
| Konto / Anbieter | Zinssatz | Verfügbarkeit | Einlagensicherung |
|---|---|---|---|
| Trade Republic Tagesgeld | 3,75% p.a. | täglich | 100.000 EUR |
| Scalable Capital Tagesgeld | 3,50% p.a. | täglich | 100.000 EUR |
| ING Tagesgeld | 2,50% p.a. | täglich | 100.000 EUR |
| DKB Cash | 2,00% p.a. | täglich | 100.000 EUR |
| Comdirect Tagesgeld | 1,75% p.a. | täglich | 100.000 EUR |
| Girokonto (Standard) | 0,00% p.a. | täglich | 100.000 EUR |
| Festgeld (12 Monate) | 3,00–3,50% | gebunden | 100.000 EUR |
| ETF-Depot | variabel | 2–3 Tage | kein Schutz |
Zinssätze Stand Mai 2026. Tagesgeld-Zinsen können sich täglich ändern und sind nicht garantiert. Quelle: Stiftung Warentest Tagesgeldvergleich, eigene Erhebung.
Festgeld bietet zwar oft höhere Zinsen als Tagesgeld, aber: Das Geld ist für die Laufzeit (3, 6, 12 Monate) gebunden. Im Notfall — Jobverlust im Monat 2 eines 12-Monats-Festgeldes — können Sie nicht ohne Zinsverlust oder Strafgebühr vorzeitig auf das Geld zugreifen. Der Notgroschen muss ohne Abzüge sofort verfügbar sein.
Aktien und ETFs fallen genau dann, wenn Sie den Notgroschen am dringendsten brauchen: Jobverlust korreliert mit wirtschaftlichen Krisen, und Krisen bedeuten Börseneinbrüche. Im März 2020 fiel der MSCI World in 4 Wochen um 34%. Wer damals seinen Notgroschen-Depot auflösen musste, verlor ein Drittel seines Puffers.
Der Aufbau des Notgroschens folgt einem klaren Prozess, der mit dem Prinzip "Pay yourself first" (zuerst sich selbst bezahlen) funktioniert.
Monatliche Ausgaben berechnen
Kontoauszüge der letzten 3 Monate auswerten. Alle fixen und variablen Ausgaben addieren, durch 3 dividieren. Nicht vergessen: jährliche Ausgaben (Versicherungen, KFZ-Steuer) durch 12 dividieren und addieren.
Zielbetrag bestimmen
Ausgaben × Monatsanzahl (3–6 je nach Situation). Beispiel: 2.200 EUR/Monat × 3 Monate = 6.600 EUR Zielbetrag.
Separates Tagesgeldkonto eröffnen
Ein eigenes Konto schützt vor versehentlichem Verbrauch und erhöht den psychologischen Schutz. Online in 10–15 Minuten eröffnet.
Sparrate festlegen
Mindestens 10% des Nettoeinkommens. Bei 2.500 EUR netto: 250 EUR/Monat. Damit ist das Ziel von 6.600 EUR nach 26 Monaten erreicht. Wer schneller will: 15% = 375 EUR → Ziel nach 18 Monaten.
Dauerauftrag einrichten
Am Tag des Gehaltseingangs automatisch überweisen — nie manuell. 90% der Menschen, die manuell sparen, scheitern innerhalb von 3 Monaten (Quelle: Verbraucherzentrale Bayern, 2023).
Jährlich anpassen
Bei Mieterhöhung, Gehaltsanpassung, neuen Kindern oder Umzug den Zielbetrag neu berechnen und ggf. erhöhen.
| Monatliche Sparrate | Zeit bis Ziel | Zinsen (3,75% p.a.) |
|---|---|---|
| 100 EUR/Monat | 72 Monate (6 Jahre) | +847 EUR |
| 200 EUR/Monat | 36 Monate (3 Jahre) | +499 EUR |
| 300 EUR/Monat | 24 Monate (2 Jahre) | +349 EUR |
| 500 EUR/Monat | 14 Monate | +162 EUR |
| 600 EUR/Monat | 12 Monate | +135 EUR |
Zinsen vereinfacht berechnet mit monatlichem Anfall. Abgeltungsteuer (26,375% inkl. Soli) auf Zinserträge nicht berücksichtigt. Freistellungsauftrag 1.000 EUR/Jahr (Einzelperson) anwendbar.
Stellen Sie bei jedem Tagesgeldkonto einen Freistellungsauftrag: 1.000 EUR/Jahr für Einzelpersonen, 2.000 EUR für gemeinsam veranlagte Ehepaare (§ 44a EStG). Zinserträge unterhalb dieser Grenze werden ohne Abgeltungsteuer (26,375% inkl. Solidaritätszuschlag) gutgeschrieben. Bei 7.200 EUR zu 3,75% p.a. = 270 EUR Zinsen/Jahr — innerhalb der Freigrenze.
Zu kleiner Zielbetrag
Viele definieren 1.000 EUR als Notgroschen. Das deckt keine Autoreparatur, keinen Zahnarzt ohne Zuschuss und erst recht keinen Jobverlust ab. Mindestens 3 volle Monatsausgaben — nicht 3 Monatsgehälter.
Notgroschen und Girokonto vermischen
Liegt der Notgroschen auf dem Girokonto, ist er bis Ende des Monats ausgegeben. Ein getrenntes Konto ist psychologische Firewall — ein mentaler Schutz, der in der Praxis den Unterschied macht.
Festgeld statt Tagesgeld
Höhere Zinsen, aber nicht sofort verfügbar. Bei einem echten Notfall kostet der frühe Ausstieg Zinsen oder ist schlicht unmöglich. Notgroschen = Tagesgeld.
ETFs oder Aktien als Notgroschen deklarieren
Ein Depot ist kein Notgroschen. Kursverluste und Abwicklungszeiten (2–3 Tage) machen es ungeeignet. Wer im März 2020 "Notgroschen-Depot" bei -34% liquidieren musste, hatte effektiv 2 Monatsausgaben statt 3.
Erst investieren, dann Notgroschen aufbauen
ETF-Sparplan vor Notgroschen ist ein Fehler. Der erste finanzielle Schock zwingt zum ETF-Verkauf — oft zu schlechten Preisen, mit Steuerfolgen. Reihenfolge: Mindest-Notgroschen → Schulden tilgen → Notgroschen vervollständigen → ETF starten.
Keine jährliche Anpassung
Miete steigt, Kinder kommen, Ausgaben erhöhen sich. Ein Notgroschen von 6.000 EUR aus 2021 deckt 2026 möglicherweise nur noch 2 Monate ab. Jährlich Zielbetrag neu berechnen.
Kein Wiederauffüllplan nach Nutzung
Der Notgroschen wird irgendwann genutzt — das ist sein Zweck. Ohne automatischen Wiederauffüllplan bleibt er leer. Direkt nach Nutzung: erhöhten Dauerauftrag einrichten, bis der Puffer wieder voll ist.
Selbstständige und Freiberufler haben in Deutschland keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld I (ALG I). Bei Auftragseinbruch, Krankheit oder wirtschaftlichem Rückgang gibt es keine staatliche Absicherung wie für Angestellte. Das macht einen höheren Notgroschen existenziell wichtig.
| Situation | Empfehlung | Begründung |
|---|---|---|
| Freiberufler, viele Kunden, gleichmäßiges Einkommen | 6 Monate | Kein ALG I |
| Selbstständiger, 1–3 Großkunden | 9 Monate | Klumpenrisiko Kundenverlust |
| Saisonales Geschäft (z.B. Gastronomie, Event) | 12 Monate | Umsatzschwankung vorhersehbar |
| GmbH-Geschäftsführer ohne Festgehalt | 6–12 Monate | Gewinn = variabel |
Zusätzlich sollten Selbstständige steuerliche Nachzahlungen berücksichtigen. Das Finanzamt fordert Einkommensteuer-Vorauszahlungen quartalsweise (15.3., 15.6., 15.9., 15.12.). Kommt eine Nachzahlung, muss das Geld sofort verfügbar sein — das ist kein Notfall-Szenario, sondern Planung. Legen Sie die geschätzte Steuerschuld auf einem separaten Tagesgeldkonto zurück.
In Deutschland sind Bankeinlagen gesetzlich bis zu 100.000 EUR pro Person und Bank durch die gesetzliche Einlagensicherung geschützt. Rechtsgrundlage: §§ 43 ff. KWG (Kreditwesengesetz) i.V.m. der EU-Einlagensicherungsrichtlinie 2014/49/EU.
Was das bedeutet: Ein Notgroschen von 7.200 EUR auf einem deutschen Tagesgeldkonto ist vollständig geschützt. Selbst bei Insolvenz der Bank erhalten Sie innerhalb von 7 Werktagen Ihr Geld zurück (seit 2024 verkürzte Erstattungsfrist nach DGSD-Revision).
Gesetzliche Sicherung
Freiwillige Sicherung (private Banken)
Quelle: Bundesministerium der Finanzen, Einlagensicherungsgesetz (EinSiG); Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) — DGSD Revision 2024.
Notgroschen (Emergency Fund)
Liquide Rücklage für unerwartete Ausgaben. Nicht für geplante Ausgaben (Urlaub, Auto) gedacht.
Tagesgeldkonto
Bankkonto mit täglich verfügbarem Guthaben und variablem Zinssatz. Kein gebundenes Kapital.
Festgeldkonto
Bankkonto mit festem Zinssatz und fester Laufzeit. Vorzeitiger Zugriff oft mit Strafgebühr.
Einlagensicherung
Gesetzlicher Schutz von Bankeinlagen bis 100.000 EUR pro Person und Bank gemäß EinSiG.
Freistellungsauftrag
Weisung an die Bank, Kapitalerträge bis 1.000 EUR/Jahr (Einzelperson) steuerfrei auszuzahlen.
Abgeltungsteuer
Pauschalsteuer von 25% + 5,5% Solidaritätszuschlag = 26,375% auf Kapitalerträge (Zinsen, Dividenden, Kursgewinne).
ALG I (Arbeitslosengeld I)
Staatliche Leistung bei Jobverlust für Angestellte: 60% (67% mit Kindern) des letzten Nettogehalts. Gilt nicht für Selbstständige.
Pay yourself first
Prinzip: Sparrate direkt nach Gehaltseingang automatisch überweisen, bevor andere Ausgaben anfallen.
Dispokredit
Überziehungsrahmen auf dem Girokonto. Durchschnittszins 2025: 12,5% p.a. (Deutsche Bundesbank).
Liquidität
Eigenschaft eines Vermögenswerts, schnell und ohne erheblichen Wertverlust in Bargeld umgewandelt werden zu können.
Als Faustregel gelten 3–6 Netto-Monatsausgaben. Angestellte mit sicherem Job benötigen 3 Monate, Selbstständige und Freiberufler mindestens 6 Monate. Bei Kindern oder Alleinverdiener-Haushalt empfehlen Verbraucherzentralen und Finanzplaner 6 Monate. Entscheidend ist der Ausgabenbetrag, nicht das Einkommen: Bei 2.400 EUR monatlichen Ausgaben und 3 Monaten sind das 7.200 EUR Zielbetrag.
Der Notgroschen gehört auf ein separates Tagesgeldkonto mit sofortiger Verfügbarkeit. Festgeld ist ungeeignet, da das Geld gebunden ist. Beliebte Anbieter 2026: Trade Republic (3,75% p.a.), ING (2,5%), DKB (2,0%). Wichtig: getrennt vom Girokonto, damit kein versehentlicher Zugriff erfolgt. Die Einlagensicherung schützt bis 100.000 EUR.
Bei 200 EUR Sparrate pro Monat dauert der Aufbau eines Notgroschens von 7.200 EUR (3 Monate bei 2.400 EUR/Monat Ausgaben) 36 Monate. Mit 400 EUR/Monat ist das Ziel nach 18 Monaten erreicht. Automatische Daueraufträge nach Gehaltseingang sind entscheidend — manuelle Überweisungen scheitern in der Praxis häufig.
Priorität 1: Mindest-Notgroschen von 1.000–2.000 EUR aufbauen, um nicht bei der nächsten unerwarteten Ausgabe erneut in Schulden zu geraten. Priorität 2: Hochzins-Schulden tilgen (Dispo über 10%, Kreditkarte über 15%). Priorität 3: Notgroschen auf Vollniveau (3–6 Monate) aufstocken. Dann erst ETF-Investitionen oder weitere Sparformen beginnen.
Das ist normal — dafür ist er da. Kein schlechtes Gewissen. Nach der Nutzung sofort wieder auffüllen mit erhöhter Sparrate. Analysieren, welche Ausgabe unerwartet war, und prüfen, ob sie durch Versicherung (z.B. Berufsunfähigkeitsversicherung, KFZ-Vollkasko) oder bessere Planung (z.B. jährliche Ausgaben durch 12 dividieren) künftig abgefedert werden kann.
Ja, sofern das Konto täglich verfügbar ist und keine Bindung besteht. Achten Sie auf die gesetzliche Einlagensicherung (100.000 EUR pro Bank pro Person nach §§ 43ff. KWG). Wenn Ihr Notgroschen-Betrag unter 100.000 EUR liegt — was für die meisten zutrifft — ist er vollständig gesichert. Kein Splitting auf mehrere Konten nötig.
Nein. Aktien und ETFs können innerhalb von Wochen 20–40% fallen — genau dann, wenn Sie den Notgroschen brauchen (Jobverlust oft bei schlechter Wirtschaftslage = Börseneinbruch). Im März 2020 fiel der MSCI World in 4 Wochen um 34%. Wer damals seinen Notgroschen im Depot hatte, musste entweder mit 34% Verlust verkaufen oder weiter disponieren. Der Notgroschen muss sofort verfügbar sein und nominal sicher, nicht renditeoptimiert.
Selbstständige und Freiberufler sollten mindestens 6–12 Monate Ausgaben zurücklegen, da kein Arbeitslosengeld (ALG I) und keine staatliche Absicherung bei Auftragsverlust besteht. Bei saisonalem Geschäft oder wenigen Großkunden (Klumpenrisiko) empfehlen sich 9–12 Monate. Zusätzlich: Steuervorauszahlungen separat zurücklegen, um Liquiditätsengpässe zu vermeiden.