KGV erklärt: Kurs-Gewinn-Verhältnis für die Aktienanalyse nutzen
Historisches vs. Forward-KGV, Shiller-KGV (CAPE), Branchenbenchmarks und wann das KGV in die Irre führt — mit DAX-Beispielen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- • KGV = Aktienkurs ÷ Gewinn pro Aktie (EPS) — die meistgenutzte Bewertungskennzahl
- • Historisches KGV: letzten 12 Monate tatsächlicher Gewinn; Forward-KGV: Analystenschätzungen für die nächsten 12 Monate
- • KGV-Wert variiert stark nach Branche — Technologie 30–50×, Banken 8–15×, Versorger 14–18×
- • Shiller-KGV (CAPE): 10-Jahres-Durchschnittsgewinn, inflationsbereinigt — glättet Konjunkturzyklen
- • Langfristiger DAX-Durchschnitt: ~14–18×; S&P 500 langfristig: ~15–17×
- • KGV ungeeignet bei: negativem Gewinn, stark zyklischen Branchen, massiven Sondereffekten
- • Ergänzende Kennzahlen: KBV (Kurs-Buchwert), KUV (Kurs-Umsatz), EV/EBITDA, PEG-Ratio
Was ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV)?
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist die am häufigsten verwendete Bewertungskennzahl für Aktien. Es beantwortet eine einfache Frage: Wie viele Euro zahlen Anleger für jeden Euro Unternehmensgewinn?
KGV = Aktienkurs ÷ Gewinn pro Aktie (EPS)
Beispiel: Aktienkurs 150 €, EPS = 6,00 € → KGV = 25× (Anleger zahlen 25 € für jeden Euro Gewinn)
Ein hohes KGV signalisiert hohe Wachstumserwartungen oder Überbewertung. Ein niedriges KGV kann ein Schnäppchen andeuten — oder einen Betrieb im Niedergang. Entscheidend ist immer der Branchenvergleich und der historische Kontext des Unternehmens. Pflichtpublikationen zur Gewinnentwicklung sind in Deutschland im Bundesanzeiger abrufbar.
Historisches KGV vs. Forward-KGV
| Merkmal | Historisches KGV (TTM) | Forward-KGV (NTM) |
|---|---|---|
| EPS-Basis | Letzten 12 Monate geprüfter Gewinn | Analystenschätzung nächste 12 Monate |
| Zuverlässigkeit | Auf Basis geprüfter Berichte (HGB/IFRS) | Schätzungen können stark abweichen |
| Geeignet für | Reife, stabile Unternehmen | Wachstumsunternehmen, Start-ups |
| Schwäche | Rückwärtsgerichtet | Schätzungen oft zu optimistisch |
| Datenquelle | Bundesanzeiger, Geschäftsbericht | Bloomberg, FactSet, Analystenkonsens |
KGV-Benchmarks nach Branche (2024–2025)
| Branche | Typisches KGV | Begründung |
|---|---|---|
| Technologie (Mega-Cap) | 30–50× | Hohes Wachstum, Software-Margen, Netzwerkeffekte |
| Gesundheit / Pharma | 20–35× | Patent-Moats, wiederkehrende Umsätze |
| Konsumgüter (defensiv) | 18–25× | Stabile Gewinne, geringe Zyklizität |
| Industrie / Maschinenbau | 15–22× | Moderates Wachstum, kapitalintensiv |
| Finanzen (Banken) | 8–15× | Regulierung, Zinsabhängigkeit |
| Energie (Öl & Gas) | 8–14× | Rohstoffzyklus, volatile EPS |
| Versorger | 14–18× | Regulierte Umsätze, anleiheähnlich |
Richtwerte basierend auf DAX, STOXX Europe 600 und S&P 500 Sektordaten 2024–2025. Quelle: Deutsche Bundesbank Monatsbericht, QONTIGO/Stoxx. Ranges verschieben sich mit Zinsniveau und Marktstimmung.
Shiller-KGV (CAPE): die langfristige Perspektive
Das von Nobelpreisträger Robert Shiller entwickelte CAPE (Cyclically Adjusted P/E) teilt den aktuellen Index-Stand durch den inflationsbereinigten Durchschnittsgewinn der letzten 10 Jahre. So werden kurzfristige Gewinnausschläge geglättet, die das normale KGV verzerren.
| Zeitraum / Ereignis | CAPE-Niveau (S&P 500) | Marktkontext |
|---|---|---|
| Langfristiger Durchschnitt (1881–2025) | ~16–17× | Historischer Mittelwert, Mean-Reversion-Niveau |
| Dotcom-Blase (2000) | 44× | Höchster je gemessener Wert; danach −50% |
| Finanzkrise-Tief (2009) | 13× | Tiefste Unterbewertung — Kaufgelegenheit |
| Post-Covid-Hoch (2021) | 38–40× | Nullzins + Fed-Stimulus trieb Multiples hoch |
| Mitte 2025 | ~34–36× | Überdurchschnittlich — historisch impliziert schwächere Folgerenditen |
Quelle: Robert Shiller, Yale University — shillerdata.com. CAPE ist ein Langfristindikator, kein kurzfristiges Handelssignal.
Wann ist das KGV irreführend?
Negativer oder nahe Null liegender Gewinn
Verlustunternehmen haben ein negatives oder undefiniertes KGV. Für Wachstumsunternehmen (z.B. Tesla in der Frühphase) besser EV/Umsatz oder EV/EBITDA verwenden.
Zyklische Branchen
Bei Auto-, Stahl- oder Chemieunternehmen steigt der Gewinn auf dem Höhepunkt des Zyklus. Ein niedriges KGV am Zyklushöhepunkt ist ein Warnsignal, kein Kaufsignal. Besser: normalisierter Gewinn oder Kurs-Buchwert.
Gewinnmanipulation / Sondereffekte
Einmalerträge (Unternehmensverkäufe), Abschreibungen und Bilanzierungswahlrechte (HGB vs. IFRS) verzerren den Gewinn. Immer den bereinigten (adjusted) EPS prüfen.
Länder- und Währungsvergleiche
Deutschen DAX-Unternehmen mit US-Techkonzernen zu vergleichen erfordert Anpassungen für Steuersätze, Rechnungslegungsstandards (HGB vs. GAAP) und Zinsumgebung.
Häufige Fragen zum KGV
Was ist ein gutes KGV für eine Aktie?
Es gibt kein universell "gutes" KGV. Ein KGV von 15× ist für ein Technologieunternehmen günstig, kann aber für einen Versorger teuer sein. Entscheidend ist der Vergleich mit dem Branchenmedian und dem historischen KGV des Unternehmens selbst. Ein KGV unterhalb des 5-Jahres-Branchendurchschnitts kann auf Unterbewertung hindeuten — muss aber mit Blick auf Wachstumsaussichten und Bilanzstärke überprüft werden.
Was ist die PEG-Ratio und warum ist sie nützlich?
PEG = KGV ÷ Gewinnwachstumsrate. Ein PEG unter 1,0 deutet auf Unterbewertung relativ zum Wachstum hin. Über 2,0 gilt oft als teuer. Nützlich beim Vergleich von Wachstumsunternehmen: Ein Unternehmen mit KGV 40× aber 40% Wachstum hat ein PEG von 1,0 — billiger als eines mit KGV 20× und nur 5% Wachstum (PEG 4,0).
Wie beeinflusst das Zinsniveau das KGV?
Es besteht eine inverse Beziehung: Wenn Zinsen steigen, tendieren KGVs zur Kompression (Rückgang). Höhere Zinsen erhöhen den Diskontierungssatz im DCF-Modell und reduzieren den Barwert zukünftiger Gewinne. Das erklärt, warum Wachstumsaktien 2022 bei steigenden EZB-Zinsen besonders stark einbrachen.
Was ist das historische DAX-Durchschnitts-KGV?
Der DAX hat historisch ein durchschnittliches KGV von ca. 13–18× (seit 1988). Zum Vergleich: Der S&P 500 liegt langfristig bei 15–17×. Das niedrigere DAX-KGV spiegelt die höhere Zyklizität des deutschen Aktienmarkts wider (mehr Industrie, Autos, Chemie) sowie konservativere Bilanzierungstraditionen. Aktuelle Daten veröffentlicht die Deutsche Bundesbank regelmäßig in ihren Monatsberichten.