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Das 70/30-Weltportfolio: woher die Zahl nicht kommt, und was sie ergeben hat

Die Aufteilung 70 Prozent entwickelte Märkte, 30 Prozent Schwellenländer wird meistens so begründet, als folge sie aus den Marktgewichten. Das lässt sich in einer Zeile widerlegen: Zum 31. Juli 2026 wog der FTSE-Emerging-Teilindex 10,07 Prozent des FTSE All-World, nicht 30 Prozent. Wer 70/30 wählt, wählt gegen die Marktgewichtung. Diese Seite zeigt danach, was diese Wahl über vierzehn Jahre ergeben hätte — einmal mit jährlichem Rebalancing, einmal ohne, gegen drei Vergleichsvarianten —, wie stark die Quote ohne Eingriff auseinanderläuft und welche Steuer das Umschichten in Deutschland auslöst.

Wo das gilt, wie lange, und was diese Seite nicht ist

Die Rechengrundlage, vollständig offengelegt. Alle Verläufe verketten die Jahresrenditen 2012 bis 2025 des MSCI World, des MSCI Emerging Markets und des MSCI ACWI aus dem MSCI World Index Factsheet mit Stand 31. Juli 2026. Es sind Bruttorenditen in US-Dollar: Dividenden wieder angelegt, Quellensteuern nicht abgezogen. Die Rechnungen enthalten keine Fondskosten, keine Handelskosten, keine Steuern und keinen Wechselkurs. Ein reales Portfolio hätte alle vier gehabt.

Zwei Indexfamilien, nicht vermischt. Die Marktgewichtung von 89,93 zu 10,07 Prozent stammt aus dem FTSE All-World Index Factsheet, die Renditerechnungen aus dem MSCI-Blatt. Beide zum 31. Juli 2026, beide am 12. August 2026 als PDF geöffnet. Die beiden Familien definieren «Schwellenland» nicht identisch, und deshalb steht die eine Zahl neben der anderen und nicht in derselben Rechnung.

Was diese Seite nicht ist. Keine Empfehlung für 70/30 oder gegen 70/30, keine Aussage darüber, ob Rebalancing sinnvoll ist, keine Prognose. Vierzehn Jahre sind ein Zeitraum und kein Gesetz. Vextor Capital ist kein Anlageberater, verkauft keine Finanzinstrumente und erhält kein Entgelt von Fonds- oder Indexanbietern. Kein Link dieser Seite ist ein Affiliate-Link.

Erstens: 70/30 ist keine Marktgewichtung

Das FTSE All-World Index Factsheet enthält am Ende eine Tabelle «Index Characteristics» mit drei Spalten: All-World, Developed, Emerging. Zum 31. Juli 2026 stehen dort die Netto-Marktkapitalisierungen 104.427.490, 93.914.413 und 10.513.077 Millionen US-Dollar. Daraus folgt unmittelbar:

Eine 30-Prozent-Quote für Schwellenländer ist also rund das Dreifache ihres Marktgewichts. Das ist kein Einwand gegen die Quote — es ist die Feststellung, dass sie eine eigenständige Entscheidung ist und keine Ableitung. Welche Begründungen für 70/30 sonst genannt werden, etwa Anteile an der Weltwirtschaftsleistung, konnte für diese Seite nicht belegt werden: Eine Statistikquelle für Bruttoinlandsprodukte nach Ländergruppen wurde nicht geöffnet, und deshalb steht hier keine solche Zahl.

Zweitens: was vierzehn Jahre ergeben haben

Startbetrag 10.000 US-Dollar am 1. Januar 2012, Endpunkt 31. Dezember 2025, vierzehn verkettete Jahresrenditen. «Mit Rebalancing» heißt: Zu jedem Jahresbeginn wird die Aufteilung auf 70 zu 30 zurückgesetzt, also dreizehnmal umgeschichtet. «Ohne Rebalancing» heißt: einmal 7.000 und 3.000 US-Dollar anlegen und vierzehn Jahre nichts tun.

VarianteEndwert aus 10.000 $jährliche Rate
100 % MSCI World51.787,40 $12,4646 %
MSCI ACWI47.188,22 $11,7200 %
70/30 ohne Rebalancing43.066,55 $10,9930 %
70/30 mit jährlichem Rebalancing41.322,45 $10,6658 %
100 % MSCI Emerging Markets22.717,90 $6,0364 %

Drei Beobachtungen, und jede gilt ausschließlich für diesen Zeitraum. Erstens: Das Rebalancing hat in diesen vierzehn Jahren gekostet — 41.322,45 gegen 43.066,55 US-Dollar, also 1.744,10 weniger, das sind 4,22 Prozent des Endwerts der ribalancierten Variante. Der Grund ist mechanisch: Jede Rückstellung auf 70/30 verschob Geld aus dem Teil, der besser lief, in den Teil, der schlechter lief. In einem Zeitraum mit umgekehrtem Verhältnis hätte dasselbe Verfahren genützt.

Zweitens: Beide 70/30-Varianten liegen unter dem MSCI ACWI, obwohl der ACWI ebenfalls Schwellenländer enthält — er enthält sie eben nur mit ihrem Marktgewicht. Die Übergewichtung war in diesen vierzehn Jahren also der teuerste Teil der Entscheidung, nicht das Verfahren zu ihrer Aufrechterhaltung. Drittens: Die Spannweite ist groß. Zwischen 100 Prozent MSCI World und 100 Prozent MSCI Emerging Markets liegen 51.787,40 gegen 22.717,90 US-Dollar — der eine Endwert ist das 2,28-fache des anderen, auf denselben Einsatz und im selben Zeitraum.

Drittens: wie schnell die Quote wegläuft

Die folgende Spalte zeigt für die Variante ohne Rebalancing, wie hoch der Anteil der Schwellenländer am Jahresende war — ausgehend von 30,00 Prozent zu Beginn des Jahres 2012.

Ende des JahresAnteil Schwellenländer
201230,37 %
201325,08 %
201423,75 %
201521,07 %
201621,59 %
201723,56 %
201822,36 %
201921,05 %
202021,36 %
202117,84 %
202217,48 %
202315,80 %
202414,54 %
202515,83 %

Der Verlauf ist nicht gleichmäßig: Zwischen 2015 und 2017 stieg die Quote wieder von 21,07 auf 23,56 Prozent, bevor sie weiter fiel. Nach vierzehn Jahren steht sie bei 15,83 Prozent — etwas mehr als die Hälfte des Ausgangswerts, und damit näher am Marktgewicht von 10,07 Prozent als am gewählten Zielwert. Ein Portfolio, das man in Ruhe lässt, bewegt sich also im Zeitablauf auf die Marktgewichtung zu.

Für die Frage, wie eng eine Toleranzschwelle sein darf, ist die Bewegung innerhalb einesJahres wichtiger als der Gesamtverlauf. Sie war im Beobachtungszeitraum im Jahr 2013am größten: Der MSCI World legte um 27,37 Prozent zu, der MSCI Emerging Markets verlor 2,27 Prozent. Ein zu Jahresbeginn auf 70/30 gesetztes Portfolio stand am Jahresende bei 75,25 zu 24,75 — eine Abweichung von 5,25 Prozentpunkten nach zwölf Monaten. Wer eine Schwelle von fünf Punkten setzt, hätte in diesem Jahr genau einmal eingegriffen; wer zwei Punkte setzt, deutlich öfter.

Viertens: was das Umschichten in Deutschland kostet

Rebalancing durch Verkauf ist steuerlich kein Vorgang eigener Art. § 16 Absatz 1 Nummer 3 InvStG zählt «Gewinne aus der Veräußerung von Investmentanteilen nach § 19» zu den Investmenterträgen, und § 2 Absatz 13 InvStG stellt der Veräußerung ausdrücklich auch die Rückgabe, Abtretung und Entnahme gleich. Ein Umschichten löst also denselben Tatbestand aus wie ein endgültiger Verkauf — nur ohne dass Geld das Depot verlässt.

Welche Anteile dabei als verkauft gelten, bestimmt nicht der Anleger. § 20 Absatz 4 Satz 7 EStG unterstellt bei sammelverwahrten vertretbaren Wertpapieren, «dass die zuerst angeschafften Wertpapiere zuerst veräußert wurden». Beim Rebalancing eines seit Jahren laufenden Portfolios werden also die ältesten und in der Regel gewinnträchtigsten Anteile realisiert.

Eine Größenordnung, ausdrücklich mit Annahmen. Nehmen wir das Jahr 2013 aus der obigen Rechnung. Zu Jahresbeginn 2013 stand das ribalancierte Portfolio bei 11.716,70 US-Dollar; am Jahresende bei 13.881,71, davon 10.446,49 im World-Teil und 3.435,22 im Emerging-Teil. Um wieder auf 30 Prozent zu kommen, mussten 729,29 US-Dollar aus dem World-Teil in den Emerging-Teil wandern. Enthielte dieser Betrag zu 30 Prozent Gewinn — das ist eine Rechenannahme, keine Ableitung aus den Daten —, wären 218,79 US-Dollar steuerpflichtig, und bei einem Aktienfonds im Privatvermögen fielen darauf 18,4625 Prozent an, also 40,40 US-Dollar. Auf ein Portfolio von rund 13.900 US-Dollar sind das 0,29 Prozent — in einem einzigen Jahr, für einen einzigen Eingriff.

Zwei Wege umgehen diesen Vorgang, und beide haben ihre eigenen Grenzen. Wer neue Beträge gezielt in den untergewichteten Teil lenkt, löst keinen der drei Tatbestände des § 16 Absatz 1 InvStG aus — dafür korrigiert er die Quote nur so schnell, wie seine Sparrate im Verhältnis zum Depotwert groß ist. Und wer den Sparer-Pauschbetrag noch nicht ausgeschöpft hat, kann einen Teil des Gewinns steuerfrei realisieren; die Reihenfolge und die Grenzen dafür stehen in der Steuerseite und werden hier nicht wiederholt.

Die häufigsten Lesefehler

Was diese Quellen nicht sagen

Wie Sie das selbst nachprüfen

  1. Öffnen Sie das FTSE-All-World-Blatt und suchen Sie «Index Characteristics». Teilen Sie die Net-MCap-Zahl von FTSE Emerging durch die von FTSE All-World. Es müssen 10,07 Prozent herauskommen.
  2. Addieren Sie in derselben Tabelle die Titelzahlen 1.974 und 2.291. Die Summe 4.265 ist die Titelzahl des Gesamtindex — die drei Spalten passen zueinander.
  3. Nehmen Sie die vierzehn Jahresrenditen aus dem MSCI-Blatt und verketten Sie sie selbst: für jedes Jahr mit (1 + Rendite/100) multiplizieren. Für den MSCI World müssen aus 10.000 genau 51.787,40 werden.
  4. Wiederholen Sie es mit der Formel 0,7 mal Weltfaktor plus 0,3 mal Emerging-Faktor je Jahr. Sie erhalten 41.322,45.
  5. Lassen Sie stattdessen 7.000 und 3.000 getrennt laufen. Sie erhalten 43.066,55 und einen Emerging-Anteil von 15,83 Prozent.
  6. Prüfen Sie das Jahr 2013 einzeln: 27,37 gegen −2,27 Prozent ergibt aus 70/30 eine Aufteilung von 75,25 zu 24,75.
  7. Rechnen Sie Ihre eigene Steuerfolge: realisierter Gewinn mal 0,70 mal 0,26375 bei einem Aktienfonds im Privatvermögen.

Wohin es von hier weitergeht

Für diese Seite geöffnete Quellen

Die beiden Factsheets wurden am 12. August 2026 als PDF geöffnet und im Volltext gelesen, die Gesetzestexte am selben Tag im geltenden Wortlaut. Alle Verlaufsrechnungen dieser Seite wurden aus den Jahresrenditen des MSCI-Blattes selbst erstellt. Zuletzt überprüft am 12. August 2026.

Änderungsverzeichnis

Häufige Fragen

Entspricht 70/30 den Marktgewichten?

Nein, und der Abstand ist groß. Das FTSE All-World Index Factsheet weist zum 31. Juli 2026 eine Marktkapitalisierung von 104.427.490 Millionen US-Dollar für den Gesamtindex und 10.513.077 Millionen für den Emerging-Teilindex aus. Das sind 10,07 Prozent Schwellenländer und 89,93 Prozent entwickelte Märkte — also näher an 90/10 als an 70/30. Wer 30 Prozent in Schwellenländer legt, trifft eine Entscheidung gegen die Marktgewichtung, nicht für sie.

Was ergaben 14 Jahre 70/30 mit jährlichem Rebalancing?

Aus 10.000 US-Dollar wurden 41.322,45 US-Dollar, also 10,6658 Prozent pro Jahr. Die Rechnung verkettet die Jahresrenditen 2012 bis 2025 des MSCI World und des MSCI Emerging Markets aus dem MSCI-Factsheet mit Stand 31. Juli 2026, gewichtet jedes Jahr mit 0,7 und 0,3 und setzt die Aufteilung zu jedem Jahresbeginn zurück. Bruttorenditen in US-Dollar, ohne Kosten, ohne Steuern, ohne Wechselkurs.

Und ohne Rebalancing?

Mehr: 43.066,55 US-Dollar oder 10,9930 Prozent pro Jahr. Der Unterschied von 1.744,10 US-Dollar entspricht 4,22 Prozent des Endwerts der ribalancierten Variante. Der Grund ist einfach und gilt nur für diesen Zeitraum: Der MSCI World lief besser als der MSCI Emerging Markets, und jedes Rebalancing verschob Geld vom stärkeren in den schwächeren Teil. In einem Zeitraum mit umgekehrtem Verhältnis wäre das Ergebnis umgekehrt.

Wie weit läuft die Aufteilung ohne Rebalancing auseinander?

Von 30,00 auf 15,83 Prozent in vierzehn Jahren. Ein Portfolio, das Anfang 2012 mit 7.000 zu 3.000 US-Dollar startet und nie angefasst wird, hat Ende 2025 einen Schwellenländeranteil von 15,83 Prozent — die Hälfte des Ausgangswerts. Die Kurve verläuft nicht gleichmäßig: Ende 2012 stand sie bei 30,37 Prozent, Ende 2016 bei 21,59 Prozent, Ende 2021 bei 17,84 Prozent und Ende 2024 bei 14,54 Prozent.

Wie groß ist die Abweichung nach einem einzigen Jahr?

Im ungünstigsten Jahr des Zeitraums 5,25 Prozentpunkte. Das war 2013: Der MSCI World legte um 27,37 Prozent zu, der MSCI Emerging Markets verlor 2,27 Prozent. Ein zu Jahresbeginn auf 70/30 gesetztes Portfolio stand am Jahresende bei 75,25 zu 24,75. Wer eine Toleranzschwelle für das Rebalancing setzt, sollte wissen, dass ein einzelnes Jahr eine 30-Prozent-Position um mehr als fünf Punkte verschieben kann.

Löst Rebalancing durch Verkauf Steuer aus?

Ja. § 2 Absatz 13 InvStG stellt die Rückgabe der Veräußerung gleich, und ein Verkauf ist ohnehin eine Veräußerung; § 16 Absatz 1 Nummer 3 InvStG zählt den Gewinn daraus zu den Investmenterträgen. Bei einem Aktienfonds im Privatvermögen greift danach die Teilfreistellung von 30 Prozent nach § 20 Absatz 1 Satz 1 InvStG und auf den Rest der Satz von 26,375 Prozent — zusammen 18,4625 Prozent des Gewinns. Welche Anteile verkauft werden, entscheidet nicht der Anleger: § 20 Absatz 4 Satz 7 EStG unterstellt, dass die zuerst angeschafften zuerst veräußert werden.

Gibt es Rebalancing ohne Steuer?

Ohne Verkauf entsteht kein Veräußerungsgewinn. Wer neue Beträge gezielt in den untergewichteten Teil lenkt, verschiebt die Quote, ohne einen der drei Tatbestände des § 16 Absatz 1 InvStG auszulösen. Ob das die Quote schnell genug korrigiert, hängt vom Verhältnis zwischen Sparrate und Depotwert ab und ist eine Rechnung, die jeder mit seinen eigenen Zahlen anstellen muss. Diese Seite spricht keine Empfehlung dazu aus.

Was hätte 100 Prozent in einem Index ergeben?

Über dieselben vierzehn Jahre und aus denselben 10.000 US-Dollar: 51.787,40 mit dem MSCI World, 22.717,90 mit dem MSCI Emerging Markets und 47.188,22 mit dem MSCI ACWI, der beide Universen enthält. Das entspricht 12,4646, 6,0364 und 11,7200 Prozent pro Jahr. Alle vier Varianten stammen aus derselben Tabelle desselben Blattes; sie beschreiben einen vergangenen Zeitraum und keine Erwartung.

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