Zum Hauptinhalt springen

Geldpolitik der EZB: 10.084 Tage Leitzins, ausgezählt

Über die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank wird viel geschrieben und wenig gezählt. Dabei ist ihre wichtigste Größe eine der wenigen makroökonomischen Reihen, die vollständig, täglich und ohne Lücke öffentlich vorliegt. Diese Seite nimmt sie beim Wort: 10.084 Tageswerte vom 1. Januar 1999 bis zum 10. August 2026, 60 Änderungen, ein Höchststand von 4,75 Prozent und 2.324 aufeinanderfolgende Tage bei null. Jede Zahl auf dieser Seite stammt aus dieser Reihe oder aus dem Datenportal der Notenbank selbst und lässt sich in wenigen Minuten nachrechnen.

Eine lückenlose Reihe, ein wörtliches Ziel, keine Prognose

Was gerechnet wurde. Der Satz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte wurde Tag für Tag ausgezählt: Anzahl der Beobachtungen, Anzahl und Richtung der Änderungen, Abstände zwischen ihnen, Höchst- und Tiefstwert mit Datum, einfacher Mittelwert. Die drei Leitzinsen, die Bilanzsumme des Eurosystems und die Geldmenge M3 wurden am 13. August 2026 unmittelbar aus dem Datenportal der Europäischen Zentralbank abgerufen.

Was nicht enthalten ist. Keine Begründung einzelner Beschlüsse, kein Protokoll, keine Abstimmungsverhältnisse, keine Projektionen des Eurosystems, keine Angabe darüber, was der Markt für die nächste Sitzung einpreist. Diese Reihe kennt nur Zahlen und Daten, keine Absichten.

Was diese Seite nicht ist. Keine Anlageberatung, keine Empfehlung und keine Vorhersage über den nächsten Zinsschritt. Vextor Capital ist keine Bank, kein Wertpapierdienstleistungsunternehmen und erhält kein Entgelt von Kreditinstituten oder Datenanbietern.

Drei Sätze, nicht einer

«Der Leitzins» ist eine Vereinfachung. Das Eurosystem steuert mit drei Sätzen, die gemeinsam beschlossen werden und zusammen einen Korridor bilden. Ihre Werte am 13. August 2026, unmittelbar aus dem Datenportal:

SatzWertWofür er gilt
Hauptrefinanzierungsgeschäfte2,40 %Der Satz, zu dem sich Banken wöchentlich gegen Sicherheiten refinanzieren. Umgangssprachlich «der Leitzins»
Einlagefazilität2,25 %Der Satz für Guthaben, die Banken über Nacht beim Eurosystem anlegen. Untere Kante des Korridors
Spitzenrefinanzierungsfazilität2,65 %Der Satz für Übernachtkredite gegen Sicherheiten. Obere Kante des Korridors

Der Abstand zwischen der oberen und der unteren Kante des Zinskorridors beträgt damit 0,40 Prozentpunkte. Für eine Bank, die abends überschüssige Zentralbankguthaben hat, ist die Einlagefazilität die Untergrenze dessen, was sie im Interbankengeschäft akzeptieren muss; für eine Bank mit Bedarf ist die Spitzenrefinanzierungsfazilität die Obergrenze dessen, was sie zu zahlen bereit ist. Welcher der drei Sätze in einer bestimmten Phase tatsächlich steuert, hängt davon ab, ob das Bankensystem insgesamt Überschussliquidität hält oder nicht — und das ist keine Eigenschaft des Satzes, sondern eine der Bilanz.

Die Reihe, in neun Zahlen

Die folgende Tabelle enthält keine Auswahl: Es sind die Kennzahlen, die sich aus der vollständigen Tagesreihe ergeben, ohne einen einzigen Tag wegzulassen.

KennzahlWertEinzelheit
Beobachtungen10.084 Tage1. Januar 1999 bis 10. August 2026, ohne Lücke
Änderungen6029 Erhöhungen, 31 Senkungen
Höchststand4,75 %erreicht am 6. Oktober 2000, gehalten bis 10. Mai 2001
Tiefststand0,00 %2.324 Tage am Stück, 16. März 2016 bis 26. Juli 2022
Einfacher Mittelwert1,7558 %über alle 10.084 Tage
Größter Zinsschritt nach oben+0,75 pp14. September 2022, von 0,50 auf 1,25 %
Größter Zinsschritt nach unten−0,75 pp10. Dezember 2008, von 3,25 auf 2,50 %
Median des Abstands63 Tagezwischen zwei aufeinanderfolgenden Änderungen
Stand am 10. August 20262,40 %gültig seit dem 17. Juni 2026

Zwei dieser Zeilen widersprechen dem, was man häufig liest. Erstens liegt der Höchststand des Leitzinses nicht in den Jahren 2023 oder 2024, sondern am 6. Oktober 2000, mit 4,75 Prozent — gehalten bis zum 10. Mai 2001. Der Gipfel der jüngeren Erhöhungsserie liegt bei 4,50 Prozent und damit 0,25 Prozentpunkte darunter. Zweitens ist die Zahl der Senkungen mit 31 größer als die der Erhöhungen mit 29, obwohl die Reihe bei 3,00 Prozent beginnt und bei 2,40 Prozent endet: Die Serie besteht aus vielen kleinen Senkungen und wenigen größeren Erhöhungen.

Die auffälligste Einzelheit ist der längste Abstand zwischen zwei Beschlüssen: 2.324 Tage ohne jede Änderung, vom 16. März 2016 bis zum 27. Juli 2022. In diesem Zeitraum stand der Satz durchgehend bei 0,00 Prozent. Wer die Geldpolitik als eine Abfolge häufiger Eingriffe beschreibt, beschreibt nicht diesen Zeitraum, der fast ein Viertel der gesamten Reihe ausmacht.

Die Serie von 2022 und 2023, Schritt für Schritt

Zehn Änderungen in vierzehn Monaten, von null auf 4,50 Prozent. Es ist die dichteste Folge der ganzen Reihe und zugleich diejenige, an der sich der Unterschied zwischen einer Behauptung und einer Auszählung am besten zeigt: Die Schrittweiten sind nicht gleich, und die Abstände auch nicht.

Wirksam abVorherNachher
27.07.20220,00 %0,50 %
14.09.20220,50 %1,25 %
02.11.20221,25 %2,00 %
21.12.20222,00 %2,50 %
08.02.20232,50 %3,00 %
22.03.20233,00 %3,50 %
10.05.20233,50 %3,75 %
21.06.20233,75 %4,00 %
02.08.20234,00 %4,25 %
20.09.20234,25 %4,50 %

Die ersten vier Schritte messen 0,50, 0,75, 0,75 und 0,50 Prozentpunkte, die letzten vier jeweils 0,25. Von diesem Gipfel führte der Weg in weiteren Schritten wieder nach unten, bis am 11. Juni 2025 2,15 Prozent erreicht waren; die bislang letzte Änderung der Reihe ist eine Erhöhung am 17. Juni 2026 auf 2,40 Prozent. Diese Seite deutet keinen dieser Beschlüsse und nennt keinen Grund für ihn: Die Reihe enthält Zahlen und Daten, nicht die Erwägungen dahinter.

Das Ziel, im Wortlaut — und warum der Index zählt

Auf der Seite zur geldpolitischen Strategie steht das quantitative Ziel in drei Sätzen, die am 13. August 2026 wörtlich so zu lesen waren: «The ECB's Governing Council considers that price stability is best maintained by aiming for 2% inflation over the medium term. Inflation is measured by the Harmonised Index of Consumer Prices (HICP). The Governing Council's commitment to the 2% target is symmetric.»

Der Begriff, um den sich alles dreht, ist Preisstabilität, und die Notenbank übersetzt ihn in dieser Passage selbst in eine Zahl. Das ist bemerkenswert, weil Preisstabilität dem Wortsinn nach ein unveränderliches Preisniveau bezeichnen würde, die Zahl aber ein dauerhaftes Steigen von zwei Prozent im Jahr beschreibt. Was das über längere Zeiträume bedeutet, lässt sich ausrechnen: Bei genau zwei Prozent pro Jahr braucht ein Preisniveau rund 35 Jahre, um sich zu verdoppeln, denn 1,02 hoch 35 ergibt 1,9999. Die Zielgröße ist also nicht Stillstand, sondern ein gemessener und ausdrücklich gewollter Anstieg.

Der mittlere Satz ist derjenige, der in deutschen Diskussionen am häufigsten übergangen wird. Das Ziel bezieht sich auf den harmonisierten Verbraucherpreisindex des gesamten Euroraums, nicht auf den deutschen Verbraucherpreisindex und auch nicht auf den harmonisierten Index für Deutschland allein. Dass diese Unterscheidung nicht theoretisch ist, lässt sich messen: Über 360 gemeinsame Monate von Januar 1996 bis Dezember 2025 beträgt die mittlere absolute Abweichung zwischen der deutschen Jahresrate nach dem nationalen Index und der nach dem harmonisierten Index 0,285 Prozentpunkte; im Oktober 2022 lagen die beiden Werte 2,78 Prozentpunkte auseinander. In vier Monaten hatten sie sogar entgegengesetzte Vorzeichen.

Der letzte Satz — die Symmetrie — hat ebenfalls eine messbare Folge. Wenn ein Unterschreiten des Ziels als genauso unerwünscht gilt wie ein Überschreiten, dann ist die lange Phase bei 0,00 Prozent kein Ausrutscher, sondern die Antwort auf ein Unterschreiten. Die Jahreswachstumsrate der weit gefassten Geldmenge M3 lag in dieser Zeit übrigens keineswegs still: Ihr Höchstwert in der Reihe liegt bei 12,56 Prozent im November 2007, ihr Tiefstwert bei −1,27 Prozent im August 2023, und im Juni 2026 lag sie bei 3,29 Prozent.

Was diese Quellen nicht sagen

Wie Sie das selbst nachprüfen

  1. Rufen Sie im Datenportal die Reihe zum Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte im Festsatzverfahren ab und daneben die Reihe zum Mindestbietungssatz. Prüfen Sie, dass die beiden keinen gemeinsamen Tag haben.
  2. Fügen Sie beide zusammen und zählen Sie die Tage: Es müssen 10.084 sein, vom 1. Januar 1999 bis zum 10. August 2026. Prüfen Sie, dass zwischen zwei aufeinanderfolgenden Daten nie mehr als ein Tag liegt.
  3. Zählen Sie, wie oft sich der Wert von einem Tag auf den nächsten ändert. Es müssen 60 Änderungen sein, davon 29 nach oben und 31 nach unten.
  4. Suchen Sie den größten Wert. Es muss 4,75 Prozent sein, erstmals am 6. Oktober 2000 und letztmals am 10. Mai 2001.
  5. Zählen Sie die Tage mit dem Wert 0,00. Es müssen 2.324 sein, vom 16. März 2016 bis zum 26. Juli 2022.
  6. Rufen Sie die drei Leitzinsen unmittelbar ab und bilden Sie die Differenz zwischen der Spitzenrefinanzierungsfazilität und der Einlagefazilität. Am 13. August 2026 ergibt das 0,40 Prozentpunkte.
  7. Öffnen Sie die Strategieseite der Notenbank und lesen Sie, an welchem Index das Ziel gemessen wird. Vergleichen Sie diesen Index anschließend mit dem nationalen Verbraucherpreisindex für Deutschland.

Wohin es von hier weitergeht

Für diese Seite geöffnete Quellen

Alle Reihen wurden am 13. August 2026 abgerufen und an diesem Tag nachgerechnet. Zuletzt überprüft am 13. August 2026.

Änderungsverzeichnis

Häufige Fragen

Wie viele Leitzinsen hat die Europäische Zentralbank?

Drei, und sie werden gemeinsam beschlossen. Der Satz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte ist derjenige, den man umgangssprachlich «den Leitzins» nennt. Darunter liegt der Satz der Einlagefazilität, zu dem Banken Guthaben über Nacht bei der Notenbank anlegen; darüber der Satz der Spitzenrefinanzierungsfazilität, zu dem sie sich über Nacht Geld leihen können. Am 13. August 2026 lagen die drei Sätze bei 2,40 Prozent, 2,25 Prozent und 2,65 Prozent, abgerufen aus dem Datenportal der Europäischen Zentralbank. Der Abstand zwischen dem oberen und dem unteren Satz betrug damit 0,40 Prozentpunkte.

Wie oft hat sich der Leitzins seit der Einführung des Euro geändert?

Genau 60-mal. Die tägliche Reihe umfasst 10.084 Tage vom 1. Januar 1999 bis zum 10. August 2026, ohne eine einzige Lücke, und enthält 29 Erhöhungen und 31 Senkungen. Der Median des Abstands zwischen zwei Änderungen liegt bei 63 Tagen, der kürzeste Abstand bei 18 Tagen. Der längste Zeitraum ohne jede Änderung dauerte 2.324 Tage, vom 16. März 2016 bis zum 27. Juli 2022 — mehr als sechs Jahre.

Wie hoch war der Leitzins am höchsten und am tiefsten?

Der Höchststand liegt bei 4,75 Prozent. Er wurde am 6. Oktober 2000 erreicht und bis zum 10. Mai 2001 gehalten. Der Tiefststand liegt bei 0,00 Prozent und dauerte 2.324 Tage am Stück, vom 16. März 2016 bis zum 26. Juli 2022. Der einfache Mittelwert über alle 10.084 Tage beträgt 1,7558 Prozent. Wer aus dem Gedächtnis von einem Höchststand aus dem Jahr 2023 spricht, verwechselt ihn: 2023 wurden 4,50 Prozent erreicht, also 0,25 Prozentpunkte weniger als im Jahr 2000.

Welches war der größte einzelne Zinsschritt?

Die größte Erhöhung war der Schritt vom 14. September 2022 von 0,50 auf 1,25 Prozent, also 0,75 Prozentpunkte auf einmal. Die größte Senkung war der Schritt vom 10. Dezember 2008 von 3,25 auf 2,50 Prozent, ebenfalls 0,75 Prozentpunkte. Die Erhöhungsserie, die am 27. Juli 2022 begann, führte in zehn Schritten von 0,00 auf 4,50 Prozent bis zum 20. September 2023.

Welches Ziel verfolgt die Europäische Zentralbank?

Auf ihrer Seite zur geldpolitischen Strategie steht es wörtlich: «The ECB's Governing Council considers that price stability is best maintained by aiming for 2% inflation over the medium term. Inflation is measured by the Harmonised Index of Consumer Prices (HICP). The Governing Council's commitment to the 2% target is symmetric.» Drei Dinge stehen darin, die oft übergangen werden: Das Ziel gilt auf mittlere Sicht und nicht Monat für Monat; gemessen wird am harmonisierten Verbraucherpreisindex und nicht am nationalen Verbraucherpreisindex; und es ist symmetrisch, das heißt, ein Unterschreiten gilt als ebenso unerwünscht wie ein Überschreiten.

Warum ist der harmonisierte Index wichtig für das Ziel?

Weil er für Deutschland regelmäßig andere Werte liefert als der nationale Verbraucherpreisindex. Über 360 gemeinsame Monate von Januar 1996 bis Dezember 2025 beträgt die mittlere absolute Abweichung zwischen der Jahresrate des deutschen Verbraucherpreisindex und der des harmonisierten Index 0,285 Prozentpunkte, der größte Abstand 2,78 Prozentpunkte im Oktober 2022. Wer die Zielverfehlung der Notenbank an der deutschen Zahl misst, misst sie an einem Index, der im Ziel nicht genannt wird.

Wie groß ist die Bilanz des Eurosystems?

In der Wochenausweisreihe des Datenportals stand die Bilanzsumme des Eurosystems in der 32. Kalenderwoche 2026 bei 5.923.023 Millionen Euro, also rund 5,92 Billionen. Der Höchststand liegt bei 8.835.987 Millionen in der 25. Kalenderwoche 2022; von dort ist die Summe um 33,0 Prozent gesunken. Zum Vergleich: In der ersten erfassten Woche, der 53. Kalenderwoche 1998, betrug sie 697.160 Millionen.

Sagt diese Seite etwas über die nächste Zinsentscheidung?

Nein. Diese Seite enthält keine Prognose über Zinsen, Inflation oder Konjunktur und keine Anlageempfehlung. Sie zeigt eine vergangene Reihe: 10.084 Tage, 60 Änderungen, ein Höchst- und ein Tiefstwert. Aus einer Auszählung der Vergangenheit folgt keine Verteilung der Zukunft, und die Reihe selbst enthält keine Angabe darüber, warum eine einzelne Entscheidung so ausfiel, wie sie ausfiel.

Vextor Capital ist kein Kreditinstitut, kein Wertpapierdienstleistungsunternehmen und kein Anlageberater, steht in keiner Beziehung zur Europäischen Zentralbank oder zur Deutschen Bundesbank und erhält kein Entgelt von Banken oder Datenanbietern.

Verwandte Artikel